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Erziehungskunst - Ausgabe : Juli / August 2003
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Sexual- und Lebenskunde im Waldorf-Lehrplan (II)
Bericht einer Initiative |

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Zum Konzept einer Lebens- und Sexualkunde im Waldorflehrplan, welches teilweise während der Kolisko-Tagung 2002 in Lahti (Finnland) erarbeitet wurde (vgl. »Erziehungskunst«, Heft 10/2002, S. 1088 ff.) bekamen wir zahlreiche schriftliche und mündliche Reaktionen und Anfragen für Elternabende, Gespräche in Lehrerkonferenzen sowie Unterrichtsstunden in verschiedenen Klassen. Die Bitten benachbarter Schulen (Krefeld, Mönchengladbach, Köln) konnten leicht erfüllt werden, die Schulen in Frankfurt, Weimar, Evinghausen (Osnabrück), Hannover (Bothfeld) und Berlin (Eugen Kolisko-Schule) besuchten wir auf einer Rundreise. Im Folgenden möchten wir einige Erfahrungen und neue Aspekte wiedergeben.
In sämtlichen Schulen und Gesprächen wurde die Auffassung bestätigt, dass
- Sexualkunde nicht isoliert »unterrichtet« werden soll, da die Sexualität sowieso schon an einer fehlenden Einbettung krankt und deshalb innerhalb einer Lebenskunde ihren Platz haben soll;
- Sexual- und Lebenskunde nicht nur im Elternhaus Thema sein soll, sondern dass auch die Schulen eine wesentliche Rolle zu übernehmen haben;
- der Waldorf-Lehrplan und die anthroposophische Menschenkunde viele Inhalte bieten, um Themen der Sexual- und Lebenskunde (inkl. Pubertätsentwicklung, fremde Kulturen, bio-ethische Fragen der Fortpflanzungsmedizin, Elternschule etc.) in einem erweiterten Rahmen mit den Schülern zu bearbeiten;
- Waldorfschüler im Vergleich zu bundesweiten Umfragen eher weniger über konkrete Fragen der Verhütung informiert sind, dass aber die Zahl der »Pillen-Konsumentinnen« (davor und danach), der Abtreibungen und der ungeplanten Schwangerschaften sich wahrscheinlich nicht sehr von anderen Schulen unterscheidet;
- bei der Besprechung mancher Themen eine vorübergehende Trennung zwischen Jungen und Mädchen sinnvoll ist und dass vor allem die Jungen viel (männliche) Aufmerksamkeit brauchen;
- Lehrer, Eltern und Schüler offen und dankbar für Anregungen und Gespräche über diese Themen sind.
Der Rahmen
Die Inhalte der von uns gedachten Lebenskunde können in bestehende Fächer (z.B. Biologie, Religion, Geographie, Menschenkunde) integriert, als Extra-Stunde einmal pro Woche oder als Epoche gegeben werden. Eine Schule machte gute Erfahrungen mit einer Kurz-Epoche von drei Tagen. Ob sämtliche Inhalte vom Klassenlehrer oder von Fachlehrern der Klasse gegeben werden sollten, oder ob es sinnvoll und ggf. notwendig sei, für manche Themen Lehrer aus anderen Klassen oder speziell geschulte Eltern oder andere Persönlichkeiten von auswärts zu bitten, wurde vielfach besprochen. Meistens war Konsens, dass es sinnvoll sein kann, für Fragen, welche die Sexualität und Verhütung in engerem Sinne betreffen, Externe einzuladen. So gibt es an einer Schule eine zu diesem Zweck eingerichtete Arbeitsgruppe mit einigen Lehrern und Eltern, in der intensiv Themen der Pubertät, Sexualität und Partnerschaft bearbeitet werden, um aus diesem Kreis Mitarbeit in verschiedenen Klassen anzubieten. Dadurch kann vermieden werden, dass Institutionen wie »pro-familia« eingeladen werden, was nicht selten geschieht, die zwar »technisch« gut sind, aber isoliert und ohne Berücksichtigung der seelisch-geistigen Zusammenhänge eine Verhütungs-Aufklärung vermitteln. (Dies kann dann zu grundlegenden Auseinandersetzungen in der Eltern- und Lehrerschaft führen.)
Inhaltliche Gliederung
Der inhaltliche Rahmen ist ausführlich im oben genannten Heft der »Erziehungskunst« dargestellt; hier nur ein zusammenfassender Überblick:
Oberstufe:
9. Klasse: Konkretes zu den verschiedenen Verhütungsmethoden, geschichtliche, medizinische, soziologische, psychologische und juristische Aspekte;
10. Klasse: Schwangerschaft, Embryologie, Geburt und Säuglingspflege;
11. Klasse: Urteilsbildung über ethische Fragen bezüglich Abtreibung, Fertilitätstherapie (Retortenbefruchtung etc.), vorgeburtliche Diagnostik, wobei die Technik dieser Methoden, der gesetzliche Rahmen sowie die ethischen Dimensionen besprochen gehören, dazu Rollenspiele, Exkursionen, Fachleute einladen;
12. Klasse: Elternschule, Partnerschaft, Verantwortung und individuelle Entwicklung.
Das Rollenspiel hat sich als hilfreich erwiesen, um die Schüler mit der Dynamik einer Fragestellung vertraut zu machen (in einer 12. Klasse spielten wir die Situation einer ungeplanten und ungewollten Schwangerschaft, wobei das Mädchen ihrer beruflichen Kariere nachgehen wollte; im Spiel entstand die Variante, dass der Junge angeboten hat, die Verantwortung und die Versorgung des Kindes zu übernehmen. Das Mädchen wollte darauf nicht eingehen, und der Junge war empört, dass es hierzulande der Frau frei steht, ohne Zustimmung des – genau so beteiligten – Mannes abzutreiben).
Mittelstufe:
In der Mittelstufe gibt es zu große Entwicklungsunterschiede, sowohl zwischen verschiedenen Schulen und auch innerhalb einer Schule, so dass eine klare Gliederung wie in der Oberstufe schwieriger ist. In den Klassen 5 bis 8 ist es trotzdem dringend notwendig, Lebenskunde zu unterrichten. Man bedenke, dass zur Zeit im Durchschnitt die erste Regelblutung im Alter von 11,5 Jahren eintritt (1920: 14,5), dass 50 Prozent der 15-jährigen Mädchen ihren ersten Geschlechtsverkehr hatten und dass die Zahl der Abtreibungen bei Frauen unter 18 in den letzten fünf Jahren um 60 Prozent zugenommen hat.
Themen wie die sich verändernde Beziehung zu den Eltern, die erste Menstruation, die körperlichen Veränderungen, sexuelle Regungen und der erste Samenerguss eignen sich gut für die Besprechung in der Mittelstufe. Durch Rollenspiele kommen auch hier die eigentlichen Fragen und Probleme oft gut zur Sprache. In einer 6. Klasse wurde auf Wunsch der Mädchen gespielt, wie zwei Mädchen dem Sportlehrer mitteilten, sie könnten heute wegen ihrer Menstruation nicht schwimmen, und zwei daneben stehende Jungs sollten reagieren. Nach dem Spiel bekamen die Jungs von den Mädchen ein Lob, dass sie jetzt wenigstens mal vernünftig reagiert hätten. Wichtig ist eine zeitweise Trennung von Mädchen und Jungen: Am Ende einer »getrennten« Doppelstunde in einer 7. Klasse antwortete ein Mädchen auf die Frage, was sie den Jungen über die Stunde erzählen wollte, sie habe gelernt, dass sie stolz auf ihre Menstruation sein darf. In einer 8. Klasse einer anderen Schule war aber die mehrheitliche Meinung der Mädchen, dass die Menstruation nur ekelhaft sei und doch besser abgeschafft werden solle. Ob eine solche Einstellung durch eine frühere Thematisierung in der Klasse anders ausgefallen wäre, lässt sich nicht klären, wäre aber zu wünschen.
In den Klassen 6 bis 8 lesen viele Schüler häufig »Bravo«. So stellte in einer 6. Klasse ein Mädchen ernsthaft die Frage, ab welchem Alter es normal sei, mit einem Jungen zu schlafen. Ein anderes Mädchen antwortete 14, ein Junge meinte, »Jungs mit 15 und Mädchen mit 16«. Diese »Normalität« wird durch solche Zeitschriften oft vorgegeben. Ein Gespräch darüber ergab, dass hier der Begriff »normal« fehl am Platze ist. Vielleicht konnte so ein wenig von dem Erwartungsdruck genommen werden.
Sicher müssen in der Mittelstufe auch die Verhütungsmethoden zur Sprache kommen, sowie die Vorbeugung von sexuell übertragbaren Erkrankungen.
In dem Fach Ernährungs- und Gesundheitslehre, welches in der 7. Klasse unterrichtet wird, kann dieses Thema auch aufgenommen werden. Es zeigt sich, dass in der 6. und 7. Klasse immer wieder Fragen nach Anatomie und Physiologie gestellt werden, die in adäquater Weise behandelt werden können.
Elternarbeit
Insbesondere für die Mittel- aber auch Unterstufe ist die Arbeit mit den Eltern wichtig. Elternabende, an den die Eltern ihre Erfahrungen miteinander teilen können, an denen erweiternde Gesichtspunkte aus der Menschenkunde besprochen werden und an denen auch in Rollenspielen, teilweise auch getrennt für Frauen und Männer, die Situation von Gesprächen zwischen Vater und Sohn oder Mutter und Tochter gespielt werden können, sollten regelmäßig stattfinden. Während einer solchen Elternarbeit wurde den Eltern klar, dass die Aufklärung bei der Selbstaufklärung anfängt. Welche sind die eigenen Hemmungen, Barrieren, Verletzungen und Unzulänglichkeiten, die nicht als solche den Kindern weitergegeben werden sollen? Wenn die Tochter der Mutter von der ersten Menstruation erzählt, redet die Mutter dann direkt von Tampons und Sauberkeit? Wenn Vater und Sohn über Mann-Werden, Sexualität und Samenerguss sprechen, was steht dann im Vordergrund? Wie stark ist die eigene Akzeptanz oder Ablehnung des Frau-Seins und des Mann-Seins? Diese Fragen zu erkennen war für viele Eltern eine wichtige Voraussetzung für die Art und Weise, wie Kinder begleitet werden können. Männer und Söhne haben es in dieser Hinsicht noch schwieriger, da Männer weniger Gelegenheit suchen oder haben, um über Männertum, Liebe, Partnerschaft und Sexualität zu sprechen.
Wie eine Lebenskunde in der Unterstufe aussehen kann, müsste noch weiter erarbeitet werden. Sicherlich gehört dazu eine Suchtprophylaxe und Prophylaxe von sexuellem Missbrauch. Ziel einer Lebenskunde sollte es sein, alle Klassen, von 1 bis 12, zu berücksichtigen.
Besondere Eindrücke
In einer 7. und 8. Kleinklasse wurde uns der besondere Anspruch dieser Schüler in Hinblick auf den Umgang mit dem Triebleben, den inneren und äußeren Einflüssen und Erwartungen besonders deutlich. Ein Schüler, mit dem ich in der Pause über den Platz lief, holte aus seiner Innentasche eine »Bravo«, zeigte mir einige Bilder und sagte, dass das doch eigentlich verboten gehörte. Damit sprach er ein Bedürfnis aus, dem in manchen Schulen auch entsprochen wird, nämlich dass strenge Verbote und Regeln die Schüler gegen diese »Angriffe« schützen sollen. Auch in diesen Klassen war das Medium Rollenspiel sehr geeignet, um bestimmte Themenbereiche anzusprechen, aber auch, um den Schülern die Möglichkeit zu geben, sich auszusprechen.
In einer Schule im Osten wurde uns deutlich bewusst, wie viel »DDR-Kulturleben« noch nachwirkt, zum Beispiel in der Abtreibungsfrage oder in der frühen Ehe und Elternschaft. Auch wurde bemerkbar, dass der feministische Befreiungskampf teilweise an der DDR vorbeigegangen ist: Frauen und Männer waren im Berufsleben gleichgestellt, aber dies war keine selbst errungene »Freiheit«, sondern eine staatlich verordnete.
Die Tatsache, dass wir in viele Klassen nur zwei Stunden als »Fremde von außerhalb« gekommen sind, widerspricht eigentlich der Absicht unseres Anliegens, keine isolierten Stunden zu geben, sondern in ein umfassendes Konzept eingebettete. In dem Sinne sehen wir diese Zwischenphase als einen Kompromiss, in der Hoffnung, dass hieraus eine Lebenskunde erwachsen kann, die altersgerecht und menschenwürdig den Schülern eine Chance gibt, einen gesunden und eigenen Weg in einer Welt mit vielerlei Abwegigkeiten zu finden.
Für den weiteren Verlauf dieser Initiative ist in Zusammenarbeit mit dem Bund der Freien Waldorfschulen eine interne Arbeitstagung Anfang Oktober vorbereitet. Geplant ist, in schriftlicher Form eine detaillierte Ausarbeitung des Konzepts sowie menschenkundliche Überlegungen zum Thema zur Verfügung zu stellen. Interessierte Lehrer, Schulärze und auch Eltern sind herzlich eingeladen, mit uns Kontakt aufzunehmen, um Kritik, Ergänzungen usw. zu besprechen: Nicola Fels (Kinder- und Jugendärztin, Schulärztin), Bartholomeus Maris (Frauenarzt), Buchheimer Straße 31, 47800 Krefeld, b.maris@debitel.net.
Nicola Fels, Bartholomeus Maris
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