
Zu den Beiträgen in den letzten Heften zur Davis-Methode, insbesondere zu den Beiträgen von Wilfried Keßler in den Heften 11/2000, S. 1220 f. und 1/2001, S. 75 ff.
Lebenstüchtigkeit
Ich verfolge als langjährige Waldorfkindergärtnerin und in Ausbildung stehende Davis-Beraterin die Beiträge über die Davis-Methode in der »Erziehungskunst« seit einigen Monaten und bin erstaunt über die Art und Weise der Auseinandersetzung mit einer neuen Idee. Ich hatte in unseren Zusammenhängen erwartet, dass sich die Autoren in dieser Zeitschrift durch genaue Betrachtung und wertfreie Auseinandersetzung etwas Neuem nähern und erst auf Grund eigener Kenntnis zum Urteil kommen. Die Davis-Methode nur danach zu bewerten, was man selber zu tun gewohnt ist, ist ein Armutszeugnis. Auch ginge es an den echten Bedürfnissen und Nöten der Betroffenen vorbei, sich über die völlig überflüssige Frage, ob Rudolf Steiner Legastheniker gewesen sei, aufzuregen. Wer meint, Rudolf Steiner mit Eifer dagegen »verteidigen« zu müssen, hängt anscheinend immer noch der Vorstellung an, Legasthenie sei ein Zeichen von Minderwertigkeit.
Mit zwei Vorurteilen sei gleich vorweg aufgeräumt:
1. Dass die Davis-Beratung im Wesentlichen nur den Zeitraum von einer Woche umfasst (genau 30 Stunden und ca. 4 Stunden Nachbetreuung), ist deshalb verständlich, weil es sich dabei nicht um eine Therapie handelt, sondern es werden mit dem Klienten hauptsächlich Wege gefunden, wie er erfolgreich lernen kann. Die kurze Zeitspanne der Davis-Beratung kommt dem Anliegen von Davis sehr entgegen, den Menschen in der Bearbeitung seiner Legasthenie unabhängig von anderen zu machen. – Ist daran nicht schon erkennbar, dass der Davis-Methode jede Affinität zu Scientology fehlt? Übrigens wird dieses Verfahren durch die kurze Dauer kostengünstig und nicht, wie behauptet, teuer.
2. Die Arbeit von Davis mit Scientology in Beziehung zu setzen ist absurd. Das ist auch für jeden unbefangenen Betrachter der Methode nachprüfbar. Dass er mit dieser Gruppierung in Berührung kam und dort Kurse besuchte, weil man ihm Hilfe bei seiner eigenen Le-gasthenie versprach, ist unbestritten, ebenso aber, dass er sich von ihr abgewandt hat und nun auf deren »schwarzer Liste« steht, was jedem Scientologen den Kontakt mit ihm verbietet.
Nach den öffentlichen Rassismus-Vorwürfen gegenüber Rudolf Steiner in den letzten Jahren sollten wir unsererseits vorsichtiger sein mit diffamierenden Zuordnungen.
Die Davis-Methode an sich wurde in der »Erziehungskunst« bereits ausführlich geschildert. Hier sei meine persönliche Erfahrung mit ihr berichtet. Als ich zuerst das Buch »Le-gasthenie als Talentsignal« las, verblüffte mich die Übereinstimmung mit meinen eigenen Erfahrungen als legasthenische (Waldorf)Schü-lerin: Ab der 5. Klasse hatte ich geahnt, dass wir Legastheniker ein besonderes Talent besitzen, welches wir im künstlerischen Bereich einsetzen können. In der 9. Klasse stellte ich fest, dass mir ausschließlich das bildliche Vorstellen ermöglichte, Lerninhalte zu begreifen. Während meiner Jahresarbeit in der 12. Klasse entdeckte ich, dass ich einer Zentrierung meiner Wahrnehmung bedurfte, um kontinuierlich aufmerksam sein zu können, und fand den Ursprung dieser Zentrierung ähnlich wie R. Davis hinter und über meinem Hinterkopf.
Erst als ich über die Davis-Methode las, und erst recht, als ich selber eine Davis-Beratung mitmachte, erlebte ich durch deren punktgenaue Orientierung jenes wesentliche Maß an Klarheit, Sinneswachheit und gesteigerte Aufmerksamkeit, welches mir ermöglicht hat, nun Schritt für Schritt alte Lernschwierigkeiten abzulegen und z. B. den Weg zum flüssigen, leichten und verstehenden Lesen zu lernen. Es täte uns gut, die Davis-Methode nicht ängstlich zu bekämpfen, sondern ihren Begegnungen mit der Waldorfpädagogik mit ruhigem Interesse zu begegnen. Solange auch von den Waldorfschulen legasthenische Kinder ohne Abschluss und nach intensivsten Leidenserfahrungen2 abgehen, steht es uns überhaupt nicht an, eine Methode mit so vielen Berührungspunkten unbesehen abzuurteilen. Ein qualifizierter Davis-Berater wird dem Le-gastheniker auch nach unseren Maßstäben keinen Schaden, wohl aber eine intensive Steigerung der Lebenstüchtigkeit vermitteln können. Kirsten Hohage
Einfach ausprobiert
Es ist schon ausgesprochen interessant, die vielen Beiträge in der »Erziehungskunst« über die Legasthenie-Behandlungen zu lesen. Da wird ja insbesondere Ron Davis aufs Korn genommen. Ja, Ron Davis, der die Legastheniker als möglicherweise geniale Individualitäten betrachtet. Ich kann da nur vorweg versichern, dass es einem Legastheniker ohne die Anlage eines Genies heutzutage kaum möglich ist, ein Schulziel, auch in der Waldorfschule, zu erreichen.
Diese Menschen leben ja in einer Bilderwelt mit großen Dimensionen, Farben, Bewegungen. Es fällt ihnen z. B. nicht schwer, sich aus wenigen Anregungen eine Welt zu bauen, die schöner ist als, sagen wir, die Karibik. Sie können wesentlich mehr erleben als Millionen, die dorthin reisen und für den Riesenaufwand mit weniger zurückkommen. Diese »Begabten« haben zudem die Möglichkeit, in die sie umgebenden Dinge so einzutauchen, dass diese sich selber in ihnen aussprechen. Ist das nicht Goetheanismus?
Stellen wir uns nur vor, dass so ein Kind in unser Bildungssystem gezwängt wird! Da sind dann diese Buchstaben, die man nicht anfassen kann, die man nicht erfahren kann als etwas, worin man gewöhnt ist zu leben! Alle Welt bemüht sich, aber keiner versteht einen wirklich. Man wird, obwohl man sich nicht krank fühlt, zum Therapiefall. Von den tausend Extra-Übungen bleibt fast nichts hängen. Na, wenn das kein Genie ist, der die unzähligen Klippen kunstvoll umfährt, wird er halb zu Tode strapaziert.
Später im Leben ist das alles nicht mehr so schlimm. Man findet nette Menschen, die für einen schreiben, und die Unterschrift geht nur in Ausnahmefällen (wenn man gerade aus einer künstlerischen Übung kommt) daneben. So hat man mehr oder weniger erfolgreich aber glücklich, ohne richtig Schreiben und Lesen zu können, 56 Jahre seines Lebens zugebracht. Da fällt mir doch – der Himmel weiß wie – ein Buch in die Hand, »Legasthenie als Talentsignal« von Ronald Davis.
Ich lese, lese … kann einfach nicht aufhören, fühle mich verstanden und verstehe und erkenne zum ersten Mal, dass die verbalen Denker die Welt einfach anders erfassen als ich. Doch jetzt, jetzt kommt die Stelle mit der Be-festigung des Punktes. Nun, was meint ihr? Was tut einer, der sich sein Leben lang mühevoll mit dem Schreiben und Lesen von Bühnenstücken, klassischer Literatur und anthroposophischen Schriften herumgeschlagen hat? Wird er erst nach dem menschenkundlichen Hintergrund fragen? Wird er sich mit Ärzten, Pädagogen, Psychologen, Therapeuten auseinandersetzen? Ich glaube, ein jeder wird sich die paar Minuten Zeit nehmen und es selbst einfach ausprobieren. So auch ich!
Die Sache ist ja so einfach: Der Punkt ist schnell gefunden, die Fixation gelingt ohne Mühe. Doch was passiert? Ich hatte ein Rec-lam-Büchlein vor mir. Die Seite, auf die ich schaue, liegt klar und deutlich vor mir wie nie zuvor. Ich kann klar und deutlich die Buchstaben, Wörter, die Satzgliederung, ja alles zum Lesen Notwendige erkennen. Ich lese meiner Frau vor, und diese ist erstaunt, kann es nicht glauben, dass ich auf einmal so lesen kann. Es ist wie ein Wunder! – Ich probiere es umgekehrt, allerdings bewusst, wie sich mein inneres Auge natürlich im Umkreis bewegen lässt (keine Anregung von R. D.). Alles ist möglich. Mehr brauche ich nicht. Der Rest ist Übung im täglichen Leben. Ich übe mich in beide Richtungen und fühle mich frei, weil ich einen festen Stand in der Mitte gefunden habe. Für diese Hilfestellung kann ich dem Ron Davis nur zutiefst dankbar sein.Hanns-Heinrich Weitz,
Eurythmist und Sprachgestalter Was wirkt?
Nachdem die Legasthenie-Behandlungsmethode nach Ronald D. Davis über Jahre in Artikeln anthroposophischer Zeitschriften gelobt und das entsprechende Buch von C. Jantzen: »Rätsel Legasthenie …« in einem anthroposophischen Verlag veröffentlicht wurde, kann der Eindruck entstehen, dass hier eine breite Akzeptanz vorliege und eine wesensverwandte Beziehung zur Waldorf- bzw. Heilpädagogik und zur Anthroposophie gesehen werden könne. Ja, es gibt Stimmen, die sagen, diese Methode dürfe unseren Kindern nicht vorenthalten werden.
Gehen wir nun auf die Argumentation ein, die Davis-Methode sei mit der anthroposophischen Menschenkunde verwandt, und untersuchen wir ein oft angeführtes Steiner-Zitat auf den Zusammenhang, in dem es steht; vergleichen wir es dann mit dem entsprechenden Davis-Zitat. Im »Heilpädagogischen Kurs« heißt es auf Seite 12/13: »Daher sind die Urteile so außerordentlich konfus, wenn man anfängt, indem man eine Abnormität konstatieren kann, dann alles Mögliche zu treiben und damit abzuhelfen glaubt – statt dessen treibt man ein Stück Genialität heraus.« Rudolf Steiner ist es wichtig, »die Sachen reinlich anzuschauen«, und er stellt daraufhin die Frage: »Denn was liegt eigentlich beim Menschen vor?« Zur Antwort gibt er: »Wir haben ein Geistig-Seelisches, das heruntersteigt zwischen Konzeption und Geburt aus den geis-tigen Welten«. Aber dieses, »was aus dem seelisch-geistigen Kosmos heruntersteigt«, kann in ein Organ oder einen Organkomplex falsch eingebettet sein. »Dann liegt eben eine Erkrankung vor.« Wer den »Heilpädagogischen Kurs« kennt, weiß, wie intensiv R. Steiner in den Kindervorstellungen auf die jeweilige persönliche Situation eingeht, sie beschreibt, diagnostiziert und für jedes Kind eine ihm angemessene Therapie verordnet.
Denken wir uns die Inkarnation als einen Prozess bis zum Erwachsenwerden, dann können wir bzgl. des oft vorgebrachten Zitats auch sagen: Wenn man konfuse Urteile fällt, schematisiert und nicht auf jede einzelne persönliche Situation eingeht, dann treibt man »alles Mögliche« und damit auch ein »Stück Genialität«, eben dasjenige, was geistig-seelisch sich entfalten will, »heraus«.
Vergleichen wir hierzu die Ansicht von Davis, die beschrieben ist in seinem Buch »Legasthenie als Talentsignal«, worauf sich die Vertreter dieser Methode beziehen. Er schreibt auf Seite 21, »dass ihr (der Legastheniker; d. V.) Verstand in derselben Weise funktioniert wie der Verstand berühmter Genies« (z. B. Walt Disney, S. 21). Die Legasthenie zeigt nach Davis das Talent, die Genialität an.
Wir haben also bei Steiner die Genialität als Bild des Geistig-Seelischen, welches aus dem Vorgeburtlichen kommend sich in den mehr oder weniger gesunden Organismus einfügt, und bei Davis die Ansicht, dass die Funktionsweise eines genialen Verstandes gleich ablaufe wie die eines Legasthenikers.
Nach dem »Heilpädagogischen Kurs« sucht sich eine Individualität anhand oder gerade wegen der Schwierigkeiten, die ihm seine Leiblichkeit schicksalsgemäß darbietet, zu entwickeln. Bei Davis wird aber eine dem Le-gastheniker und dem Genie gleichgeschaltete Funktionsweise des Verstandes beschrieben, welcher u. a. die Fähigkeit aufweist, »Probleme automatisch zu lösen« (S. 151).
Ist der Begriff »Genialität« nun bei Steiner und Davis einfach gleichzusetzen, oder spricht sich darin nicht etwas grundsätzlich Entgegengesetztes aus?
Die spezielle Funktionsweise des legasthenischen bzw. genialen Verstandes zeigt sich nach Davis in einem Denken, das er als »non-verbal« bezeichnet (S. 27) und das »ein Denken mittels innerer Bilder von Begriffen oder Ideen« ist. Davis beschreibt nun das »Denken mittels innerer Bilder« folgendermaßen: Das le-gasthenische Kind P. L. konnte das zusammengerollte Kätzchen beim Eintritt in einen Raum nicht sofort als ein solches identifizieren. Darauf sieht sein Gehirn »vielleicht 2000 verschiedene Bilder von dem Ball aus Fell an, um herauszufinden, um was es sich hier handelt« (S. 94). Sein Gehirn schießt gewissermaßen »im Bruchteil einer Sekunde« 2000 Bilder, um das unbekannte Objekt zu identifizieren.
Handelt es sich bei diesem Vorgang nicht eher um ein photographisches Ablichten eines äußeren Eindrucks als um ein »Denken mittels innerer Bilder«? Bildcharakter ordnet R. Steiner dem Vorstellungsleben zu. In der »Allgemeinen Menschenkunde« heißt es: »Wer wirklich unbefangen das anschaut, was als Vorstellung im Menschen lebt, dem wird wohl sogleich der Bildcharakter der Vorstellung auffallen: Vorstellung hat Bildcharakter.« (GA 293, 22.8.1919, S. 31)
Und das Denken? Für Davis hört es beim hochentwickelten Menschen auf. Hierzu auf Seite 127: »Sie (die Meisterschaft) ist ein Grad des Lernens, bei dem bewusstes Denken nicht mehr erforderlich ist.« Wer sich etwas mit Anthroposophie beschäftigt hat, wird feststellen können, welcher Wert dem Denken beigemessen wird. R. Steiner bezeichnet das Denken geradezu als »Menschenbestimmung« (GA 117, 13.11.9, S. 80).
Der Vertreter der Davis-Methode könnte nun sagen: »Was du da sagst, ist die eine Seite, die andere ist aber doch, dass die Sache wirkt!« Dem kann entgegnet werden: »Warum wirkt die Davis-Methode, und vor allen Dingen, was wirkt in ihr?« Herwig Duschek, Heilpädagoge
»The proof of the pudding …«
Seit Monaten verfolge ich die Diskussion in der »Erziehungskunst« bezüglich der Davis-Methode zur Korrektur der Legasthenie. Als langjährige Waldorfpädagogin und zusätzlich zertifizierte Davis-Legasthenieberaterin möchte ich mich an dieser Diskussion nun doch beteiligen.
Die Frage, ob man Rudolf Steiner für le-gasthenisch hält oder nicht, ist meines Erachtens für diese Diskussion recht unerheblich. Ganz gleich, wie die Meinungen dazu sein mögen, an der Methode ändert das nicht das Geringste.
Es geht mir um den zweiten Teil des Artikels von Herrn Kessler. Eingeleitet wird er mit dem Hinweis auf »intensive Sucharbeit« der beiden Ulmer Kollegen Mothes und Schweizer. Das Wort »intensiv« suggeriert, dass hier etwas Verborgenes aufgedeckt wird – was eindeutig Stimmung machen soll, obwohl es sachlich falsch ist. Richtig ist, dass Ron Davis nie ein Geheimnis daraus gemacht hat, dass er bei Scientology Kurse belegt hat, und zwar weil ihm versprochen wurde, dass er dadurch seine legasthenischen Probleme überwinden würde. Obwohl er alle dazu angeblich geeigneten Kurse ablegte, lernte er doch nicht lesen. Von seiner Seite aus gesehen, erfolgte die letzte, endgültige Trennung bzw. der letzte gescheiterte Versuch, mit Scientology das Lesen zu erlernen, bereits 1979. Die Rechtsstreitigkeiten mit Scientology, die von dieser Organisation ausgingen und von ihr verloren wurden, zogen sich allerdings noch bis 1985 hin, wobei dann doch der »Kontakt« sich etwas anders darstellt als hier suggeriert wird. Für mich jedenfalls ist es nicht ein im Sinne von »Verbindung pflegender« Kontakt, wenn man mit jemandem vor Gericht einen Streit austrägt. Der Streit wiederum bezog sich ganz wesentlich auf die Frage, ob Ron Davis das Kneten von Wort-Definitionen von Scientology übernommen hat oder nicht. Fakt ist, dass er schon als Junge (vor der Begründung der Scientology) das Kneten von Begriffen betrieben hatte, und es ist wohl eher so, dass Hubbard diese Technik von Davis übernommen hat als anders herum. Deshalb verzichteten dann auch die Scientologen letztlich auf ein Fortführen ihres Rechtsstreites, da sie keine Chance hatten, ihn zu gewinnen. Gleichzeitig wurde Davis und seine Organisation geächtet, was bedeutet, dass kein Mitglied der Scientology irgend etwas mit ihm oder einem seiner Lizenznehmer zu tun haben darf. Jeder, der Ron Davis’ Stellungnahme, bei der ABI im Oktober 1998 hinterlegt, ganz und aufmerksam liest, wird die Richtigkeit des hier Dargestellten bestätigen.
Der Beweis der Wirksamkeit liegt für die Davis-Methode nicht »im Lebenslauf der hochbegabten Gründungsperson«. Vielmehr ist er dort zu finden, wo laut einem englischen Sprichwort alle Beweise gefunden werden: »The proof of the pudding is in the eating« – in diesem Falle also in der Anwendung. Den Beweis für die Wirksamkeit erbringen ich und alle anderen Davis-Berater jede Woche an dem Tisch, an dem wir mit einem legasthenisch begabten Menschen arbeiten. Dass ausgerechnet ein der Waldorfbewegung nahe stehender Mensch »Fallbeispiele« nicht als Wirksamkeitsnachweis gelten lassen will, mutet schon eigentümlich an. Auch die Frage nach »wissenschaftlichen Untersuchungen« wundert mich in diesem Zusammenhang. Es sei dann doch die Frage erlaubt, wie es mit den »wissenschaftlichen Untersuchungen« bei der Heileurythmie bestellt ist … Um nur ja kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich bin ein ausgesprochener Befürworter aller Heileurythmie!
Die Frage der Zertifizierungs-Urkunde mit »auffallendem Rahmen mit Blattmotiven in den Ecken« hat mir einen Heiterkeitsausbruch abgelockt. Es ist ganz einfach so, dass die meisten Amerikaner Zertifikate lieben, und zwar »suitable for framing«. Vordrucke finden sich dafür in jedem Papierwarenladen im ganzen Land. Die meisten haben einen »auffallenden Rahmen mit Blattmotiven in den Ecken«, sei es als Urkunde für einen Zahnarzt, Friseur, 1. Platz im Wettschwimmen der 3. Klasse der XY Schule, oder was auch sonst. Sind deshalb alle Amerikaner Scientologen?
Auch zu der Frage des »pyramidenförmigen Franchise-Systems« möchte ich Stellung beziehen: Die Davis Dyslexia Association International verteilt kein Franchise, sondern der einzelne Davis-Berater wird gegen eine Gebühr lizensiert, den Namen Davis zu benutzen. Jede einzelne Waldorfschule und jeder einzelne Waldorfkindergarten in Deutschland muss entweder vom Bund der Freien Waldorfschulen oder von der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten die Genehmigung bekommen, den Namen »Waldorf« oder »Rudolf Steiner« zu benutzen. Die einzelne Einrichtung muss auch Mitglied in einem dieser Vereine sein, und das ist mit wirklich erheblichen Mitgliedsbeiträgen verbunden. Es geht hier nicht darum, dies zu hinterfragen. Das ist gut und richtig. Aber so wie das bei einer Waldorfeinrichtung nichts mit Scientology zu tun hat, so hat das bei DDAI nichts mit Scientology zu tun. Es hängt eben nur mit dem legalen Schutz eines bestimmten Namens zusammen.
Die Stellungnahme des Österreichischen Bundesverbandes für Legasthenie schließlich finde ich ganz und gar sonderbar, insbesondere deshalb, weil es erst seit diesem Monat die erste zertifizierte österreichische Davis-Beraterin gibt. Vor diesem Hintergrund möge sich jeder selbst eine Meinung bezüglich der in Österreich angeblich nach der Davis-Methode arbeitenden Therapeuten machen. Übrigens hat der ÖBVL auf Anfrage der DDAI keinerlei Beispiel oder gar Grund nennen können, die zur Erhärtung der Behauptung hätten führen können, Davis habe »der internationalen Le-gastheniebewegung und der Sonder- und Heilpädagogik großen Schaden« zugefügt.
Es ist richtig, dass es eineinhalb Jahre dauern kann, bis der Betreffende von sich behaupten kann, er oder sie sei ein »korrigierter Legastheniker«. Dass in dieser Zeit immer weitere Behandlung durch einen Davis-Berater erforderlich sei, stimmt aber nicht. Und damit kommen wir zu einem ganz eminent wichtigen, fundamentalen Unterschied zwischen Scientology und der Davis-Arbeit: Scientology versucht, die Menschen, die zu ihr kommen, an sich zu binden, sie möglichst lebenslänglich von sich abhängig zu machen. Es sind immer noch mehr Kurse zu belegen, immer noch mehr Geld dafür zu bezahlen. Ein Davis-Berater hat das Ziel, den Menschen, der zu ihm kommt, um Hilfe für sein durch Legasthenie oder Dyskalkulie verursachtes Problem zu bekommen, so zu schulen, dass der Betreffende nach 30 Stunden, in der Regel also einer Woche, selbstständig und eigenverantwortlich mit diesem Problem arbeiten kann bis zu seiner vollständigen Überwindung. Bei den jüngeren Kindern erfordert dies natürlich Hilfe von einem Erwachsenen, weshalb auf Wunsch immer auch einem Begleiter gezeigt wird, wie das zu tun ist. Dies ist im Preis inbegriffen. Wenn in der Durchführung Probleme auftreten, wird selbstverständlich weiter geholfen, in der Regel kostenlos. Das Ziel ist die baldestmögliche Selbstständigkeit und Unabhängigkeit des Betreffenden.
Worum geht es uns allen denn in Wirklichkeit? Wir wollen doch alle, dass möglichst vielen Kindern, die mit dem Lesen, Schreiben und/oder Rechnen Probleme haben, eine wirksame Hilfe zukommt. Die Davis-Methode ist dabei die erste, die ich gefunden habe, die einen wirklich großen Unterschied macht in der Fähigkeit eines betroffenen Kindes, diese Kulturtätigkeiten mühelos ausführen zu können, und zwar in einer überschaubaren Zeitspanne. Ich war vorsichtig, habe geprüft, habe ausprobiert, habe alles mit der Waldorfpädagogik verglichen, der ich mich ein Leben lang verbunden und verpflichtet fühle. Ich habe nirgends einen Konflikt oder einen Widerspruch zur Waldorfpädagogik finden können. Und es hat mir auch noch niemand, der die Davis-Methode wirklich kennt, einen solchen Konflikt oder Widerspruch nachweisen können. Wenn einer von Ihnen mit einem legasthenischen Kind oder Erwachsenen zu mir kommen und eine Woche lang zuschauen möchte, wie ich arbeite, ist er mir willkommen: Gabriela Scholter, Schemppstr. 36, 70619 Stuttgart, Tel. 0711- 5782833, E-Mail: gscholter@web.de Bedingung ist allerdings, dass der mutmaßliche Klient ein Training nach Davis machen will. Gabriela Scholter
Distanzierung
Sehr geehrter Herr Keßler,
wir teilen Ihre Bemühungen, die Öffentlichkeit und vor allem betroffene Legasthenikerfamilien so realistisch wie nur möglich über das Problem der Legasthenie, die möglichen Hilfen und die eventuellen Hindernisse und Schwierigkeiten im Verlauf der Bewältigung der Legasthenie wahrheitsgemäß aufzuklären. Dazu gehört auch die Information über Einschätzungen der Davis-Methode durch die (fachliche) Öffentlichkeit einschließlich positiver und kritischer Meinungen; selbstverständlich bezieht dies – wie Sie auch selbst berichten – mit ein, dass es bei der Anwendung von Knetmasse für die Erarbeitung von Begriffen äußerliche Ähnlichkeiten zwischen der Davis-Methode und den Lernmethoden der Scientologen gibt und wie sich diese erklären. Es ist aus diesem Grunde wichtig, darauf hinzuweisen, dass niemand auf Grund dieser äußerlichen Ähnlichkeiten und der positiven Erfahrungen, die er mit der Davis-Methode gemacht hat, für scientologische Anwerbungsstrategien verführbar wird. So weit gehen unsere Bemühungen parallel.
Darüber hinaus bemühen wir uns jedoch redlich, die Öffentlichkeit – dazu gehört auch die ABI – über Tatsachen möglichst vollständig zu informieren. Was mich nun an Ihrem Artikel wundert, ist, dass Sie mit der Wiedergabe der Stellungnahme der ABI dort aufhören, wo die ABI mit zum Teil schwer nachvollziehbaren Vergleichen zwischen R. D. Davis und den Scientologen abschließt und mit der Darstellung der weiteren Einschätzung des tatsächlichen Bezugs von Herrn Davis zu den Scientologen beginnt.
Dies möchte ich an dieser Stelle nun hinzufügen und bin sehr gespannt, ob dadurch das von Ihnen gezeichnete Bild der Davis-Methode nicht doch wesentlich verändert wird.
Mit Bezug auf einen sechs Seiten langen persönlichen Brief von Herrn Davis an die ABI schreibt diese:
»Diese ausführliche Schilderung des Herrn Davis, seiner Kontakte zu Scientology in den Jahren 1969 bis 1985 und seiner endgültigen Trennung von Scientology im Jahr 1985 ist durchaus glaubwürdig. Es ist auch möglich, dass eine formale Mitgliedschaft bei einer Scientology-Teilorganisation mit Ausnahme einer durch Kursteilnahme erworbenen kos-tenlosen Mitgliedschaft nie bestanden hat. Tatsächlich haben zahlreiche Anhänger von Scientology rechtlich lediglich den Status eines Kunden, der Dienstleistungen in Anspruch nimmt. Auch die Rückzahlung eines Geldbetrages ist glaubwürdig. Scientology sieht in den eigenen als ›Richtlinien für Pre-Clears und Studenten‹ bezeichneten allgemeinen Geschäftsbedingungen vor, dass nicht verbrauchte Vorauszahlungen zu erstatten sind sowie teilweise auch das Entgelt absolvierter Kurse, wenn der Teilnehmer mit dem Kurs unzufrieden war.
Darüber hinaus ist die Davis-Methode den Scientology-Techniken zwar in vielen Punkten ähnlich, jedoch nicht identisch. Einem Scientologen ist es nicht erlaubt, die Techniken L. Ron Hubbards abzuändern oder mit anderen Techniken zu vermischen. Dies gilt bei Scientology als Verbrechen.
Eine weitere Bestätigung der endgültigen Trennung der Eheleute Alice und Ron Dell Davis von Scientology findet sich in den von anderen Scientology-Aussteigern ins Internet eingegebenen Informationen. Aussteiger haben im Internet eine Liste von ›Feinden‹ der Scientology-Organisation veröffentlicht, in welcher sich auch die Namen von Alice und Ron Dell Davis befinden.« (Zitatende)
Darüber hinaus möchte ich festhalten, dass wir von uns aus als Davis Dyslexia Association Deutschland aus eigener Initiative an die ABI herangetreten sind, dass wir der ABI sämtliche existierenden Materialien zur Überprüfung zur Verfügung gestellt haben, um von unserer Seite alle Fakten offenzulegen und nachzuweisen, dass die Berührungspunkte zwischen Herrn Davis und den Scientologen ausschließlich der Vergangenheit angehören. Das heißt, weder die ABI noch andere Personen mussten mühsam Informationen und Hintergründe recherchieren. Ich finde es sehr bedauerlich, dass dieser Aspekt offenbar nie von der ABI weitergegeben wird, sondern in der Öffentlichkeit versucht wird, den Eindruck zu erwecken, wir würden etwas bewusst verheimlichen. Zugegeben, das Thema ist sensibel und verlangt daher auch einen sorgsamen Umgang sowie Abwägung in jeder einzelnen Situation, in welcher Form diese Informationen zur Verfügung gestellt werden. Auf Anfrage stehen und standen sie jedoch jedem immer vollständig zur Mitteilung bereit.
Die von Ihnen, Herr Keßler, genannten »sehr hohen Kurskosten« belaufen sich auf durchschnittlich ungefähr 90,– DM/Stunde bei Einzelarbeit mit den Klienten. Der gesamte Prozess ist in der Regel nach einem Arbeitsaufwand von 34 Stunden abgeschlossen. Bitte prüfen Sie selbst im Vergleich mit anderen Angeboten die Endsumme, Sie werden sehen, dass die Davis-Beratung seltenst teurer, jedoch häufig preiswerter ist, bei durchschnittlich mindestens den gleichen Erfolgen.
Nun zu den Äußerungen des Österreichischen Bundesverbandes, die inhaltlich bereits zum großen Teil mehr als zwei Jahre alt sind. Der ÖBVL wurde damals umgehend von DDAI darüber informiert, dass, wenn es tatsächlich einen Schaden gibt – die genaue Angabe, wo-rin dieser bestehe, bleibt uns der Bundesverband bis heute schuldig – dieser keinesfalls auf Davis-BeraterInnen zurückzuführen ist, da es in Österreich zu dem genannten Zeitpunkt noch lange keine gab. Bekannt ist uns jedoch, dass ein Kärntner Institut zu Unrecht den Namen von Herrn Davis1 für seine Arbeit verwendet und damit auch auf sehr unseriöse Weise geworben hat. Dies wurde inzwischen, so weit dies rechtlich möglich ist, unterbunden. Erst seit Beginn diesen Jahres gibt es eine zertifizierte Davis-Beraterin in Wien.
Zuletzt bleibt mir festzuhalten, dass meines Erachtens mit Ihrer und ähnlichen Darstellungen der Davis-Methode den Betroffenen nicht gedient wird, sondern sie unnötig verunsichert werden. Mir scheint, dies wird der bis dahin erfreulich fachlichen Kontroverse zum Thema Legasthenie in der Zeitschrift »Erziehungskunst«, die wir als fruchtbar empfinden und an der wir gerne teilnehmen, nicht gerecht. Wir würden uns freuen, die fachliche Kontroverse hier wieder aufzunehmen und weiterzuführen; übrigens gerne anhand von sehr wohl überprüfbaren Fallbeispielen, deren Inhalte anhand von Namen und Adressen jederzeit überprüft werden können.
Auch an dieser Stelle möchte ich abschließend und noch einmal ausdrücklich festhalten, dass wir uns deutlich von jeglichen Zusammenhängen zwischen DDA-Deutschland2 und der Lehre von Ron Hubbard und/oder Scientology distanzieren. Dies gilt gleichermaßen für Herrn Davis3 und seine Frau. Niemand von DDA-Deutschland hatte jemals in irgendeiner Form Kontakt zu dieser Organisation. Die Davis-Ausbildung verschließt sich ausdrücklich Mitgliedern von Scientology. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Wir bedauern den damaligen langjährigen Kontakt von Herrn Davis zur Scientology, dies tut übrigens auch Herr Davis. Es gibt jedoch keinen Anlass, auf Grund dieser mehr als 20 Jahre vergangenen Tatsache eine sehr bodenständige, konsequent durchdachte und effektive Hilfe für Legastheniker, die sich tagtäglich in der Praxis erweist und ausschließlich auf die persönliche Erfahrung von Herrn Davis zurückgeht und von ihm entwickelt wurde, jenen Menschen vorzuenthalten, denen unser Schulsystem heute hilfloser denn je gegenübersteht. Sonja Heinrich
Lehrerin sowie Leiterin der Davis
Dyslexia Association Deutschland
1 Der Name Davis im Zusammenhang mit Lernbehinderungen und Legasthenie ist markenrechtlich geschützt und darf ausschließlich von hierfür sorgfältig ausgebildeten und durch die DDAI zertifizierte und lizensierte Davis-BeraterInnen verwendet werden.
2 Offizielle Erklärungen haben wir als Anlage der Redaktion beigelegt und senden sie auf Anfrage gerne jederzeit zu.
3 s. Anm. 2
Schwere Polemik
Die Redaktion der »Erziehungskunst« muss sich fragen lassen, warum sie eine derart unsachliche und verletzende Polemik veröffentlicht. Bereits im Heft 11/2000 war eine ebenfalls polemische Darstellung W. Keßlers – merkwürdigerweise ohne Angabe der Autorenanschrift – anlässlich des Artikels von G. Kreder und M. Maier und der Buchbesprechung abgedruckt worden, die sich wie der jetzige Artikel auf das neu erschienene Buch von C. Jantzen »Rätsel Legasthenie« bezog. Hat es die Redaktion tatsächlich versäumt, entsprechend den Gebräuchen guter Fachzeitschriften mit Hilfe von Vorabübermittlung der Artikel eine Stellungnahme der betroffenen Autorin, in diesem Fall Cornelia Jantzen, einzuholen und zu veröffentlichen? Ist es Stil der Zeitschrift, in mehreren Ausgaben Artikel zum gleichen Thema zu veröffentlichen, ohne auf die vorausgegangenen Artikel mit genauen Angaben zu verweisen? Hier seien insbesondere auch die sehr lesenswerten Artikel zum Thema von Steffen Hartmann in Heft 1/1999 und von Cornelia Jantzen in Heft 11/1999 genannt. Vielleicht ist es – im Sinne der Zuschriften von U. Stolz und M. Gradenwitz in Heft 12/1999 – doch möglich, von der »heftigen Kontroverse« zu einem sachbezogenen Erarbeiten der Unterschiede und Gemeinsamkeiten verschiedener Methoden der notwendigerweise individuell unterschiedlichen Förderungsansätze bei Lese-Rechtschreibschwächen und ihrer Beziehung zur Menschenkunde Rudolf Steiners zu kommen.
Die im zweiten Teil der Zuschrift von W. Keßler enthaltenen Vorwürfe sind altbekannt und widerlegt (siehe Nachbemerkung zum Artikel in Heft 10/2000 von Angelika Weidemann). Ob der österreichische Bundesverband Le-gasthenie eine bessere Quelle ist als der deutsche, der die dort genannte Gegendarstellung veröffentlichte, sei dahingestellt. Aber was haben die nicht vom Autor, sondern von Eltern, Lehrern und zwei genannten Kollegen zu verantwortenden »Eindrücke«, »Sucharbeit« und Stellungnahmen von Verbänden in einer pä-dagogischen Auseinandersetzung zu suchen, wenn sie nicht als polemische Vorverurteilung die Arbeit der Autorin zu diskreditieren suchen? Warum geht W. Kessler nicht sachgemäß auf die Fragen und Anregungen von Cornelia Jantzen ein? Das Motiv des Forschens und Verstehenwollens zieht sich durch ihre Arbeit – und damit ist sie und sind wir noch längst nicht bei einem fertigen Urteil, sondern »am Anfang«.
Vielleicht können einige Zitate aus dem Buch die gründliche Forschungstätigkeit, dieses Bemühen um ein differenziertes Verstehen und die Fragehaltung der Autorin vermitteln, aus der heraus sie ihre konkreten Vorschläge zum Schriftspracherwerb entwickelt:
(Seite 21:) »Weitere Handschriftproben dokumentieren die ›legasthenische Fassette‹ Rudolf Steiners ebenfalls, aber das ist – isoliert betrachtet – natürlich keine Erkenntnis von Bedeutung, schon gar nicht vor dem Hintergrund seines Lebenswerkes. Zumal viele andere authentische Schriftstücke von ihm vorliegen, die wiederum völlig fehlerfrei sind. Interessant ist vielmehr, dass bei ihm beides zu finden ist, das auffällig Fehlerhafte und das auffällig Fehlerlose, ein Widerspruch, der sich durch die reine Zurkenntnisnahme nicht befriedigend aufklären lässt – wohl aber, wenn man hinter die speziellen Funktionsweisen der Legasthenie und ihre Nähe zum Genialen schaut. Genau darauf werde ich später im Einzelnen näher eingehen.« (Es folgt das »Kernzitat«.)
(Seite 51 nach dem Zitat aus der »Geheimwissenschaft« zum Vergessen am Beispiel des Schreibenlernens:) »Hat Rudolf Steiner die ›schlimmen Erfahrungen des Lebens‹, all das, was er ›beim Schreibenlernen durchgemacht‹ hat, einfach nur erfolgreich ›vergessen‹? Wie hat er den Kampf mit den Buchstaben gewonnen, ohne weiterhin zu diesem Zweck ›malträtiert‹ zu werden? Hier liegt das Geheimnis. Rudolf Steiner ist für mich der Beweis, dass es Wege gibt, Probleme beim Schreibenlernen aus ganz bestimmten, dem Menschen innewohnenden Denkstrukturen heraus zu bewältigen. Um das Erkennen und Verstehen dieser Denkstrukturen und die Bewältigung der Schriftsprachprobleme mit ihrer Hilfe geht es mir – nicht im Entferntesten um eine Beweisführung, ob, wie sehr oder wie lange Rudolf Steiner Legastheniker war. Es geht allein da-rum zu versuchen, das dem Legasthenie-Phänomen zu Grunde liegende spezielle Denken der Legastheniker am Beispiel Rudolf Steiners aufzuspüren. Meiner Meinung nach hat Rudolf Steiner in seinen methodisch-didaktischen Ausführungen viele Hinweise auf einen Weg versteckt, wie man erreichen kann, dass sich Legasthenie als ›Behinderung‹ gar nicht erst entwickelt, das Denken aber, das ihr zu Grunde liegt, dabei nicht geopfert, sondern erhalten und gefördert wird.«
Markus Wegner, Schularzt
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