
Liebe Leserin!
Lieber Leser!
Wasser – ewige Bewegung, ewige Bereitschaft, Neues zu tragen, neuen Inhalt aufzunehmen, sich selbst zu verändern. Wasser – es hat Dauer, indem es sich wandelt, indem es strömt, Neuem, Nachkommendem Raum gibt.
Dieses Heft lässt spüren, welche Wandlungen im Ostseegebiet wirken, wie Wasser und Sprachen und Völker miteinander strömen, und wie sich dieses Strömen mit höherer Weisheit erfüllt, die in den Mythen ihren Bildausdruck findet. Tiefe Ruhe kann in die Seele einkehren, die sich in das jahrtausendelange Werden und Wandeln des Ostseebeckens einfühlt, sein Erstarren unter dicken Eisschichten und sein neuerliches Abtauen und Wiedererscheinen in veränderter Gestalt. Im Ruhigwerden der Seele, in der das Tageseinerlei einmal schweigen darf, und im Mitatmen in den großen Welt-Werde-Rhythmen kommt die Vergangenheit auf einmal viel näher. Was abgeschlossen, ja erstorben zu sein schien, offenbart sich als innerlich lebendig und von Werden erfüllt. Was vor Zeiten begonnen hat, kann in seinem ruhig-geduldigen Weiterwirken erspürt werden – und nimmt einen selbst in dieses ruhige Gedulden hinein. Aber auch die Zukunft rückt näher, wird ahnbar. Das ruhige Werden ist auf Zeitenfernen ausgerichtet, denen es in schweigender Geduld entgegenreift. Die Spanne eines einzigen Menschenlebens reicht nicht hin, um dieses Werden zu ermessen. Das Leben von Völkern und Erdgegenden, das Leben der Erde selbst unter dem Einwirken der führenden Geistwesen wird in der Seele spürbar, ein Gestalten, das auch uns meint und auch uns trägt und in Verwandlungen führt.
Die Ostsee, die Völker, die Sprachen und Mythen – solange sie in Bewegung bleiben, können sie Neues, Nachkommendes aufnehmen, können sich mit höherer Weisheit erfüllen, sich verwandeln und so im Einklang mit dem Gotteswillen leben, dem sie Ausdruck verleihen.
Ruhige Stunden mit anregender Lektüre wünscht Ihnen
Ihr Georg Dreißig |