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    Erziehungskunst - Ausgabe : Dezember 2001

Was ist das Gegenteil von Hass?

Daniel Götte

Angst, Mut, Verzweiflung, Hass, Überwindung, Liebe, Aggression, Verteidigung, Schrecken, Terror, das Gute, das Böse, Angriff, Vernichtung, Fanatismus, Idealismus, Wut, Dschihad, Massenvernichtungswaffen, Daisycutter, Glaube, Trauer, Friede, Krieg, Extremismus, Ohnmacht, Clash of Civilizations, Anthrax, Bio-Waffen, atomare Bedrohung … – Wortgeschütze, die einen fragen lassen: Könnte es noch schlimmer kommen? Allenfalls könnten graduelle Unterschiede des Geschehens die Thematik noch etwas dramatischer machen.
Es wurde viel geschrieben und geredet. Und immer bleibt das Gefühl: Man setzt den Bogen an, zielt, und auf einmal ist das Ziel weg. Man schießt dann trotzdem, und der Pfeil verliert sich in einer dichten Wolke.
Das Vokabular, das zufällig einigen Artikeln, die sich mit dem Anschlag des 11. September befassen, entnommen wurde, zeigt dies. Dabei ist es gleichgültig, mit welchem Medium man es zu tun hat. Fernsehen (CNN, ARD, NTV …), »Erziehungskunst«, »Der Spiegel«, »Die Zeit« … Es findet sich viel Kritik, wenig Konkretes, fast nichts, das dem Geschehen eine (hypothetische) Alternative entgegensetzt. Aber dieses Diffuse, in dem sich Erklärungen, Stellungnahmen verlieren, kann im Leser Unmut auslösen. Wie viel mehr in einem Schüler, dem man sagt: Was du in den Medien siehst, ist alles Propaganda. Oder: Da ist das Böse, und jetzt brauchen wir den Erzengel Michael … als sei mit einem Male das Böse da. Es geht nicht um CNN, es geht um mein Urteilsvermögen.
Die Ereignisse scheinen uns alle, Lehrer wie Schüler, verwirrt zu haben. Mir scheint, wenn wir all dem, was uns an zerstörenden, verderbenden Kräften umgibt, wirklich etwas entgegensetzen wollen, dann müssen wir unseren Umgang mit der Umwelt insofern umkrempeln, als wir gar nicht zuerst nach Antworten suchen, sondern nach Fragen. Unsere Schüler werden dann zu freien und sozial fähigen Menschen erzogen, wenn sie ein fragendes Verhältnis zur Welt bekommen. Das Fragen zu lehren, scheint mir die zentrale Aufgabe für uns Lehrer zu sein. Wie befrage ich die Minerale, die Pflanzen, die Tiere, den Menschen? Wie befrage ich Geschichte, wie Chemie und Physik, wie Deutsch?
Auf den ersten Blick bieten sich meist mehr Antworten als Fragen an. Und ich wage die These, dass davon die Zerstörung menschlicher Beziehungen und auch die Zerstörung unserer Natur herrührt. Der Duktus unserer modernen Welt trägt die Signatur der Antwort.
Ich meine, wenn wir unseren Schülern das Fragen lehren, dann tun wir etwas gegen das Schreckliche in der Welt. Wie soll man aber dieses mit Kindern aufarbeiten? Zunächst müssen wir auf ihre Fragen lauschen. Was fragt z. B. ein Pubertierender? Natürlich fragt er nach der Zahl der Opfer, nach den Tätern usw. Er fragt auch, was man jetzt tun solle. Aber das sind nicht die eigentlichen Fragen, es sind die Fragen, die Schüler in diesem Alter formulieren können. Und es sind Fragen, die wir wohl kaum beantworten können. Was Trauer, Verzweiflung, Wut und Schrecken verschütten, ist die Frage nach dem Sinn des Lebens. Es ist nicht der Tod, die Zerstörung das Schlimme, sondern es ist diese brennende Frage. Man hat sich gemütlich eingerichtet und fürchtet allenfalls noch den Angriff der Sterne, aber Science-fiction-Filme zeigen: Die Außerirdischen sind gut. Alles gut. Und jetzt das. Der Traum ist zerstört. Das Leben ist auf einmal nicht mehr berechenbar. Das Glück ist unsicher geworden, weil es Störer gibt auf der Welt. Warum gibt es (Zer-)Störer auf der Welt? Warum hat ein Schüler einen anderen auf dem Pausenhof bedroht? Warum bekriegen Menschen einander? Warum gibt es immer mehr arme Menschen?
Ein Lichtblick ist die Anregung von Arthur Zajonc, die Parzival-Frage zu stellen: »Was fehlet dir?« Mit dieser Seelenhaltung sollten wir uns durchdringen. Sie allein wirkt heilend auf unsere Umwelt. Man braucht Mut dazu. Mut, keine Antwort zu geben, sondern Fragen zu stellen. Fragen führen uns aus der Resignation, weil sie Interesse we-cken. Fragen machen die Dinge kompliziert und spannend. Fragen erzeugen Beziehungen, Fragen öffnen. Fragen führen aus Verzweiflung und Gleichgültigkeit. Fragen helfen. Daniel Götte
Klassenlehrer in Freiburg (Wiehre)


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